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Freundschaft darf ruhig launisch sein

08. Juli 2014 / by /

Sauer sein, weil sich Freunde mal ein halbes Jahr nicht melden? Kommt TNT Glitz Kolumnistin Kira Brück nicht in die Tüte. Wahre Freunde sind schließlich immer bei uns – wir tragen sie ganz fest in unserem Herzen.

Fritzi hat sich getrennt. Sie fragt, ob ich ihr bei der Wohnungsauflösung helfen kann. Sie sei vollkommen überfordert und wisse nicht, was in den Müll und was auf den Dachboden gehört. Einen Tag später sitze ich im Auto und fahre zu ihr. Fritzi ist bester Laune, als sie mich in ihrer halbleeren Wohnung empfängt. Ihr Ex ist längst weg. Beim Aufräumen und Wegwerfen wird mir klar, dass die letzten zwei Jahre von Fritis Leben vollkommen an mir vorbeigegangen sind. Ihren Ex habe ich genau ein Mal gesehen. Wir standen uns bei einer Feier gegenüber, trotzdem fühlte es sich an, als sei er gedanklich sehr weit weg. Damals versuchte ich, ihn in ein Gespräch zu verwickeln – er blockte unhöflich ab. Ich fragte mich, was Fritzi wohl an einem derart unkommunikativen Menschen findet.

Die neue Liebe war da – und schon hatte Fritzi keine Zeit mehr für mich

Bevor dieser wortkarge Kerl Fritzi für sich gewinnen konnte, verbrachten wir Mädels viel Zeit miteinander. Wir unterhielten einen regelmäßigen Debattierclub, quatschen ganze Abende durch, tauschten Klamotten und bauten uns gegenseitig auf, wenn es im Job oder in der Liebe gerade mies lief. Dann kam ihr Ex – das Phantom – und Fritzi hatte auf einmal keine Zeit mehr für mich. In der ersten Zeit schob ich das auf die Verliebtheitsphase, die hier ganz offensichtlich heftig ausfiel. Nach einem Jahr wurde mir aber klar, dass unser Debattierclub auf unbestimmte Zeit pausieren wird. Weil Fritzi sich vollkommen dieser Beziehung verschrieben hatte – und ich als ihre Freundin jetzt gerade nichts zu melden habe.

Sollte ich etwa sauer auf Fritzi sein?

Ich wagte ein paar Versuche und fragte, ob man nicht mal etwas zu viert unternimmt. „Er ist einfach nicht gern unter Menschen“, lautete Fritzis Antwort. Ich blieb hartnäckig: „Lass uns doch endlich mal wiedersehen, es gibt so viel zu erzählen.“ Sie entgegnete: „Er braucht mich gerade jeden Abend“. So ging das ein paar Monate, irgendwann gab ich auf. Erst als sich die Trennung zwei Jahre später andeutete, blühte unser Kontakt wieder auf. Ich überlegte ein paar Mal, ob ich sauer sein soll. Doch schließlich kam ich zu der Erkenntnis, dass Freundschaft launisch sein darf. Es ist völlig okay, sich mal für ein halbes Jahr abzumelden, weil man sich in ein merkwürdiges Phantom verliebt hat, das gerade die gesamte Aufmerksamkeit – weshalb auch immer – braucht.

Konstantin ist auch so ein launischer Freund

Fritzi ist nicht meine einzige „launische Freundschaft“. Mein bester Freund Konstantin ist seit der achten Klasse eine feste Größe in meinen Leben (und das zu einer Zeit, als es für eine Frau noch nicht schick war, einen schwulen besten Kumpel zu haben). In den 17 Jahren unserer Freundschaft hatten wir Phasen, in denen wir täglich telefonierten und manchmal sogar zusammen in den Urlaub fuhren. Und dann gab es wieder andere, in denen wir monatelang nichts voneinander hörten. Weil das Leben gerade auf einer anderen Bühne spielte oder wir uns aktuell nicht wirklich etwas zu sagen hatten. Meldete sich dann einer nach einem Dreivierteljahr plötzlich wieder, kam dem anderen nie ein böses Wort oder gar ein Vorwurf über die Lippen. Das ist Freundschaft. Ich bin für dich da, wenn du mich brauchst. Dein Verhalten werte ich nicht. Ich sammle keine Indizien, die ich später gegen dich verwende. Im Notfall stehe ich für dich Gewehr bei Fuß. Wenn du dich nicht meldest, weiß ich, dass es dir gut geht.

In Gedanken sind sich Freunde immer nah

Familien funktionieren da anders. Jedes Mal, wenn ich meine Oma anrufe, kommt von ihr prompt: „Meldest du dich auch mal wieder, Kind?“ Die Lust auf ein herzliches Gespräch erübrigt sich von selbst. In wahren Freundschaften läuft es hingegen so: Weil diese Menschen so fest in unserem Herzen verankert sind, macht es keinen Unterschied, wie lange sie kein Lebenszeichen von sich geben. Weil sie ja (emotional) sowieso immer bei uns sind. Deshalb machte ich Fritzi in keiner Sekunde einen Vorwurf, als wir ihre Wohnung ausräumten. Aber ein paar fiese Sprüche zu ihrem Phantom-Ex musste sie sich schon anhören. Schließlich sind richtige Freunde auch dazu da, sich gegenseitig die Wahrheit zu sagen.

 

Foto: dpa picture alliance

ABOUT THE AUTHOR

Kira Brück (33) ist eigentlich ein Countrygirl aus Hessen, lebt heute aber in München. Beim Kolumnenschreiben lässt sich die Journalistin am liebsten von Eva Cassidy, Norah Jones und Tracy Chapman inspirieren. Auf die besten Ideen kommt Kira beim Ausreiten mit ihrem Pferd Fleur. Nicht widerstehen kann sie Choco Crossies, Mr. Darcy und sehr schnellem Skifahren.