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Mach! Dich! Frei!

19. Dezember 2014 / by /

Bevor unsere Wohnungen vollends zumüllen, müssen wir ausmisten. Den meisten Menschen fällt das aber verdammt schwer. TNT Glitz Autorin Kira Brück hat den Selbstversuch gewagt.

Ich fürchte mich vor nichts so sehr wie vor dem Ausmisten. Weil ich innerhalb von kürzester Zeit eine Beziehung zu meinen Sachen aufbaue. Vasen, Kerzenständer, Bilderrahmen – ja sogar meinen Winterreifen und dem Wurfzelt fühle ich mich emotional verbunden. Es ist total irre, aber für mich hat alles eine Seele. Wenn ich mir vorstelle, ich sei eine Müslischale und meine Besitzerin schmeißt mich in die Mülltonne, weil sie das Farbkonzept ihrer Wohnung überdenkt – schrecklich! Jahrelang versetzte ich mich also in meinen Hausstand hinein, wenn ich überflüssigen Plunder zum Wertstoffhof fuhr. Und drehte wieder um. Doch vor ein paar Wochen wurde mir klar, dass es so nicht weitergehen kann. Ich. Habe. Zu. Viel. Kram. Aber wie ihn loswerden, ohne seelisch vor die Hunde zu gehen? Ich brauchte einen Masterplan.

Maßnahme I: Was habe ich seit zwei Jahren nicht angefasst?

Ich wohne seit etwa zwei Jahren in meiner Wohnung. Was ich seither nicht gebraucht, aufgestellt oder durchgeblättert habe, kann weg. Einzige Ausnahme: Bücher! Ich habe Germanistik studiert. Friedrich Schiller ist mein Seelenverwandter. „Kabale und Liebe“ bleibt hier, basta! Aber wohin mit dem restlichen Zeug? Eine Bekannte erzählte mir von einer Facebook-Gruppe, in der man innerhalb seiner Stadt alles verschenken kann (In meinem Fall heißt die Gruppe „Verschenk’s München“, knapp 30.000 Menschen erreicht man mit einem einzigen Post). Ich probiere es aus: Videokassetten, Windlichter, Kissenhüllen werden fotografiert, dann stelle ich das Foto in die Gruppe und sage, wo man das Zeug abholen kann. Es funktioniert! Die Leute kommen brav (manche mehr, manche weniger zuverlässig) und befreien mich von meiner Last. Was ich davon habe: Ich weiß, dass sich jemand an meinem ausgemisteten Kram erfreut und muss mich nicht auf dem Flohmarkt rumdrücken, um am Ende die Hälfte wieder mit heim zu schleppen.

Maßnahme II: Feine Sachen in gute Hände geben

Ein ausgewaschenes Schlafshirt in den Altkleider-Container werfen? Kein Problem. Aber was ist mit dem schönen schwarzen Mantel von Comptoir des Cotonnier, den ich drei Winter lang heiß und innig geliebt habe? Klare Sache: Er muss zu jemandem, der ihn weiterliebt. Ich habe mal versucht, einen Tauschabend unter Freundinnen zu veranstalten. Keine von uns ist so richtig was losgeworden. Und Ebay ist schon länger nicht mehr das Gelbe vom Ei. Ich habe aber etwas Neues entdeckt: Die Online-Plattform Mädchenflohmarkt.de. Die haben einen Concierge-Service. Funktioniert so: Ich schicke denen ein Paket mit meinen ausgemisteten Lieblingssachen. Hübsch in Szene setzen und fotografieren übernehmen die Mitarbeiter vor Ort. Dafür behält Mädchenflohmarkt eine Provision ein, schon klar. Mein Benefit: Ich habe keinen Heckmeck und kann sicher sein, dass meine besonderen Stücke weitergeliebt werden. Erst vor zwei Wochen kam mein erstes Paket dort an, mittlerweile sind schon drei Kleidungsstücke verkauft (unter anderem der tolle Wollmantel). Falls es euch interessiert, das hier ist mein Kleiderschrank: http://www.maedchenflohmarkt.de/kleiderschrank/739060/kirakolumna

Maßnahme III: Brutal zu sich selbst sein

Ausmisten tut verdammt noch mal weh. Denn alles hat eine Vergangenheit: Das kleine Schaf aus Metall hat mir Maike in der elften Klasse geschenkt. Das braune Cape trug ich, als ich vor acht Jahren meinen Freund kennenlernte. Die Ohrstecker hat mir meine Oma im Schwarzwald-Urlaub gekauft. Wie kann man all das entsorgen? Eigentlich gar nicht. Es zerreißt einem das Herz. Mir zumindest. Andererseits: es muss sein! Wir wollen nicht als Messies enden, sondern in hübschen Wohnungen leben, in denen wir Luft zum Atmen haben. Deshalb müssen wir manchmal brutal zu uns selbst sein. Es ist schließlich für einen guten Zweck. Denn wer es schafft, sein Leben auszumisten, fühlt sich leichter. Mir geht es jedenfalls gerade so. Als hätte ich mich frei gemacht.

 

Foto: Mädchenflohmarkt.de

ABOUT THE AUTHOR

Kira Brück (33) ist eigentlich ein Countrygirl aus Hessen, lebt heute aber in München. Beim Kolumnenschreiben lässt sich die Journalistin am liebsten von Eva Cassidy, Norah Jones und Tracy Chapman inspirieren. Auf die besten Ideen kommt Kira beim Ausreiten mit ihrem Pferd Fleur. Nicht widerstehen kann sie Choco Crossies, Mr. Darcy und sehr schnellem Skifahren.