ankommen

Ankommen? Niemals!

04. November 2015 / by /

TNT Glitz Autorin Kira Brück dachte, dass sie spätestens mit 30 in ihrem Leben angekommen sei. So mit Haus, Vorgarten und einem sicheren Arbeitsplatz. Mittlerweile glaubt sie, für immer eine Suchende zu bleiben.

In jedem belanglosen Interview mit einem Hollywood-Star steht „Ich bin endlich angekommen“. In dieser einen Stadt, der tollen Serienrolle, der neuen Ernährungsweise – oder eben bei einem Mann. Was auch immer das heißen mag. Als ob es einen Moment gibt, an dem von jetzt auf gleich alles gut ist – und dann für immer so bleibt. Seitdem ich zum ersten Mal mit fünfzehn so ein Interview gelesen habe, warte ich darauf, anzukommen. Es gab durchaus Situationen, in denen ich dachte, dass es jetzt soweit sein könnte. Bei einem Kerl beispielsweise. Und zwar exakt dann, wenn aus Verliebtheit Liebe wird. Mittlerweile glaube ich aber, dass das nichts mehr wird in diesem Leben. Denn immer, wenn ich mich fallen lassen möchte, weil sich alles so nach ankommen anfühlt, passieren Dinge. Nicht unbedingt besonders schreckliche Dinge. Aber solche, die einen nicht zur Ruhe kommen lassen. Die einem zeigen, dass man definitiv nicht durchatmen sollte. Beispiel: Ich habe mich einmal sehr wohl in einer Wohnung gefühlt. Sie war unterm Dach mit vielen Schrägen und einem wunderschönen Dielenboden. Beim Einschlafen hörte ich den Regen aufs Dach prasseln. Die Wohnung und ich, wir verstanden uns prima. Da gab es eine Verbindung. Ich glaube sogar, dass sie es schön fand, mich in ihr wohnen zu lassen. Ich fühlte mich in ihr angekommen. Naja, und dann kam die Kündigung. Der Vermieter wollte selbst wieder einziehen.

Ich lebe wie eine Studentin. Keine Ahnung, was in einem halben Jahr ist

 Neulich war ich bei einem der tollsten Ehepaare, die ich kenne. Sie haben gerade ein Baby bekommen. Ich brachte ein Geschenk und hielt den Kleinen stundenlang auf dem Arm. Wir sprachen über Reisen in der Elternzeit, den neuen Fahrradanhänger und die Familienversicherung (Haftpflicht, Unfall, whatever). Auf dem Nachhauseweg schickte ich meiner Freundin Nina diese Nachricht: „Die beiden sind angekommen. Sie haben sich für jemanden entschieden, eine unbefristete Festanstellung ergattert und eine Familie gegründet. Ich hingegen lebe wie eine Studentin. Wohne in einer WG. Bin verliebt in jemanden, der verdammt weit weg wohnt. Und dann arbeite ich auch noch freiberuflich. Bei mir bleibt alles unbeständig. Keine Ahnung, was in einem halben Jahr ist.“

Nina sagt oft schlaue Sachen. Praktischerweise schickt sie mir diese als Sprachnachricht. So kann ich mir ihre Gedanken immer und immer wieder anhören. Beispielsweise, wenn ich im Stau stehe. Oder wenn ich traurig bin. Ich suche mir dann eine ihre lustigen Nachrichten raus und lasse mich von ihren Anekdoten aufheitern. (Ich verstehe gar nicht, weshalb Sprachnachrichten nicht viel mehr als Kommunikationsmittel genutzt werden. Aber gut, die meisten Menschen kriegen ja auch Zustände, wenn sie auf einen Anrufbeantworter sprechen sollen.)

Vielleicht komme ich nicht bei einem Mann an. Aber ganz gewiss bei meinen Freunden

Nina antwortete mir – natürlich – mit einer Sprachnachricht. Da stand sie gerade in Hamburg am Hafen, ich konnte die Möwen hören. Was sie sagte, habe ich mir bestimmt acht Mal angehört. Wir können alle sehr viel von Nina lernen. Lest selbst:

„Du machst dich jetzt mal locker. Dieses ganze Ankommen, das gibt’s tatsächlich nicht. Denk doch nicht, du kommst irgendwann an, nur weil du heiratest. Nach 20 Jahren Ehe lässt du dich womöglich scheiden – und dann? Dann geht die Reise weiter. Alles ist immer im Fluss. Die Wahrheit ist doch, dass wir deshalb niemals ankommen, weil wir immer neuen Input bekommen und uns unser Leben lang Herausforderungen zu stellen haben. Und das ist gut so, sonst werden wir nämlich alt und krank und träge. Ja, du lebst wie eine Studentin, und wünscht dir Beständigkeit und Ruhe. Und die Leute, die den Bausparvertrag unterm Kopfkissen und einen Vorgarten haben, sitzen da und denken: Kann mein Leben mal wieder ein bisschen funky sein? So ist das: Was man nicht hat, möchte man sehr gerne haben. Und was man hat, bemerkt man nicht. Wir werden ewig Suchende bleiben.“

Ich bin gerade sehr davon überzeugt, dass man vielleicht nicht in einem Haus, einer Stadt oder einem Job ankommt. Aber ganz gewiss bei seinen Freunden.


ABOUT THE AUTHOR

Kira Brück (33) ist eigentlich ein Countrygirl aus Hessen, lebt heute aber in München. Beim Kolumnenschreiben lässt sich die Journalistin am liebsten von Eva Cassidy, Norah Jones und Tracy Chapman inspirieren. Auf die besten Ideen kommt Kira beim Ausreiten mit ihrem Pferd Fleur. Nicht widerstehen kann sie Choco Crossies, Mr. Darcy und sehr schnellem Skifahren.