Hausarbeit schreiben

Loslassen, nicht verstauen

22. Februar 2016 / by /

TNT Glitz Autorin Kira Brück bringt es nicht über Herz, ihre Unterlagen aus der Uni wegzuwerfen. Sie erinnern sie schließlich an die schönste Zeit ihres Lebens. Aber die nächsten zwanzig Jahre ihren Keller mit den Ordnern vollstellen? Das geht irgendwie auch nicht.

Es gibt ein schönes Zitat der niederländischen Schauspielerin Sanne Wallis de Vries (keine Sorge, die muss man nicht kennen): „Aufräumen gelingt uns nicht durch Verstauen, sondern loslassen.“ Ich habe es neulich gelesen. Seitdem weiß ich, dass ich das jahrelang falsch gemacht habe mit dem Aufräumen. Denn ich habe immer nur neu geordnet – aber niemals wirklich losgelassen. Wegwerfen ist ja auch ein fürchterlicher Akt: Du gehst zur Mülltonne und wirfst Dinge, die dir mal etwas bedeutet haben, zu allerlei ekliger Mülltüten. Würdevoll ist das nicht. Aber anders geht es halt nicht. Schließlich findet man nicht für jeden Kerzenständer und jeden alten Pulli einen dankbaren neuen Besitzer.

Meine Mitschriften aus der Uni erinnern mich an die schönste Zeit meines Lebens

Ganz besonders schwer tue ich mich mit gedruckten oder aufgeschriebenen Worten. Stehe ich mit einem Packen Zeitschriften vor dem Altpapiercontainer, bekomme ich ein verdammt schlechtes Gewissen und denke: „Wer Texte wegwirft, der wirft auch Menschen weg!“ Das ist natürlich total übertrieben, schon klar. Aber ich hänge eben sehr an Worten. Eine Geschichte muss schon sehr schlecht geschrieben sein, dass ich sie ohne Zögern ins Altpapier gebe. Ganz besonders schlimm ist es mit Seiten, die ich selbst geschrieben habe. Und jetzt kommen wir zum Kern des Pudels: meinen Mitschriften aus der Uni! Seit meinem Abschluss (2008!) ziehe ich mit ziemlich vielen Leitz-Ordnern um. Darin meine Unterlagen aus neun Semestern Studium. Ich kann sie nicht wegwerfen, obwohl ich fast nur noch Bahnhof verstehe, wenn ich die Seiten überfliege.

Die Ordnungsexpertin sagt, ich müsse meinen eigenen Neustart wagen

Es gibt zum Glück für jedes Problem eine Lösung – und für jede Frage einen klugen Kopf. Ich suchte Hilfe bei Ordnungsexpertin Carola Böhmig. Sie erklärte mir: „Der erste und schwierigste Schritt ist, den Wunsch nach Veränderung für sich zuzulassen. Sie ahnen es bereits: Ihre Einstellung zu Ihren Dingen wird sich verändern und Sie müssen sich mental darauf vorbereiten. Sie entscheiden neu, welche Dinge heute und in Zukunft für Sie wichtig sind, worin Sie sich ausdrücken wollen und welche Erinnerungen Sie nähren möchten. Sie drücken den inneren Reset-Knopf und wagen Ihren ganz eigenen Neustart.“ Ich glaube, Carola Böhmig ist eine schlaue Frau. Denn zu meinen Uni-Mitschriften wusste sie auch etwas zu sagen: „Unterlagen beruflicher Bildung haben Sie lange begleitet, haben Ihren Werdegang geebnet und sind die Grundlage für Ihr jetziges Tun. Wenn Sie sicher in Ihrem beruflichen Weg geworden sind, dann haben Sie alle relevanten Lernprozesse verinnerlicht. Sie benötigen nicht mehr die Feinheiten von damals, die Sie sich mühsam erarbeitet hatten. Also: Lassen Sie den zurückgelegten Weg der Vergangenheit nun gehen, denn Ihr Ziel ist erreicht.“

Ich ziehe das durch! Nächste Woche fühle ich mich leichter

Der Plan fürs Wochenende: Die Ordner werden aus dem Keller geholt. Ich setze mich vor sie hin und verabschiede mich. Ganz in Ruhe. Frau Böhmig sagt nämlich: „Nehmen Sie sich Zeit – denn Dinge, die Ihre Emotionen berühren, sind nicht so schnell zu entscheiden wie Nahrungsmittel nach dem Verfallsdatum. Jedes einzelne Stück muss von Ihnen separat bewertet werden. Es ist effektiver, wenn Sie eine Zeit am Stück räumen und entscheiden – das längere Auseinandersetzen mit emotionalen Dingen bringt Sie an Ihre Grenzen, und gerade das geballte Beschäftigen mit den persönlichen Sachen lässt die dinglichen Emotionen abnehmen und Sie können leichter loslassen.“ Wirklich, ich ziehe das durch! Nächste Woche fühle ich mich leichter, weil ich losgelassen habe. Versprochen.


ABOUT THE AUTHOR

Kira Brück (33) ist eigentlich ein Countrygirl aus Hessen, lebt heute aber in München. Beim Kolumnenschreiben lässt sich die Journalistin am liebsten von Eva Cassidy, Norah Jones und Tracy Chapman inspirieren. Auf die besten Ideen kommt Kira beim Ausreiten mit ihrem Pferd Fleur. Nicht widerstehen kann sie Choco Crossies, Mr. Darcy und sehr schnellem Skifahren.